Ab hier geht es los / Texte

Auszug aus meinem ersten Buch Melancolia.

Ich habe ihm absichtlich einen portugiesischen Titel gegeben. Lissabon ist seit meinem ersten Besuch mein Sehnsuchtsort.

 

 

EINLEBEN

 

Nach einigen Tagen hatte sich eine Art Gleichlauf eingestellt und der Glaube sich eingelebt zu haben, da bemerkte er an sich ein seltsames Missbehagen. Sein Versuch in einer anderen Stadt auch ein anderes Leben zu führen, ja eventuell sogar ein anderer Mensch zu werden, sein altes Ich mit seinem Jetzt-Ich zu synchronisieren, sah er nach einer Woche schon als gescheitert. Nicht im Großen, aber gescheitert im Kleinen, was ihn nicht störte, da er nun sich auf sich konzentrieren konnte. Er erwartete zu viel in zu kurzer Zeit. Aber es stellte sich eine Bodenständigkeit ein, von der er nicht geahnt hatte, dass sie in ihm steckte. Anfangs noch war er jeden Vormittag in die Padaria Portuguesa zum Frühstücken gegangen, weil er das pequeno-almoço,  bestehend aus einem großen Glas frisch gepressten Orangensaft, einen etwas größeren Café und einem mit Schinken und Käse belegtem Brötchen oder Croissant zu einem günstigen Preis bekam und es ihm schmeichelte schon bald wiedererkannt zu werden. Doch nahm es zu, dass er sich lieber ein Frühstück in der Wohnung zubereitete, mit gekochtem Ei und einem „richtigen“ Kaffee, schwarz, stark und ohne Zucker. Der Mensch, er jedenfalls, ist wohl doch ein Gewohnheitstier. Er fühlte sich wohl in seiner Haut, genoss diese Zeit, frei von Verpflichtungen, und versuchte weiterhin sich zu bewegen als wäre er ein ständiger Bewohner dieser Stadt. Nicht unbedingt ein Einheimischer, aber eben einer, der hier lebt. Schon bald hatte er die wichtigsten Wege im Kopf, benötigte keinen Stadtplan mehr, fand sich zurecht, wusste, wie man am schnellsten von A nach B kommt, wo muss man umsteigen, welche Metro fährt wohin, er begann so etwas wie einen Alltag zu entwickeln. Einen Alltag des Müßiggangs.

 

Diese Ziellosigkeit, mit der er sich durch die Stadt treiben ließ, legte sich wie ein leichtes seidenes Tuch über seine Seele. Er brauchte das Gefühl bedeckt, bemäntelt zu sein, so wie er auch des Nachts nicht ohne eine Decke schlafen konnte, egal wie warm es war. Er brauchte eine gewisse Schwere auf seinem Körper um sich geborgen zu fühlen. Dies und ein, an manchen Tagen, gleichmäßig gehaltener leichter Schwips, versetzten ihn einen Zustand des Schwebens, eines Wohlfühlens, welches ihn manchmal sogar die überaus aggressiven Signale der Lissabonner Polizeifahrzeuge und Rettungswagen überhören ließ, die sich lärmend und rasant ihren Weg durch den dichten Verkehr bahnten.

In jeder Straße findet sich mindestens ein Café, in dem man sich setzen kann um ein kleines Bier zu trinken, und zu einem angemessenen Preis eine Caldo Verde bekommt. Diese Suppe und ein Toasta Mista reichten um ihn Tags über zu sättigen.

Natürlich war dies kein Dauerzustand. Aber es gab Tage, an denen er sich selbstvergessen am wohlsten fühlte. Er hoffte eine Ebene zu erreichen, von der aus die Diagnose seiner selbst ihren Anfang nehmen könnte. Jedoch das Erkennen derselben ließ auf sich warten.

 

 

Sollte Interesse bestehen, klickt hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.